Herzlich Willkommen

Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit 2021

von unserem Pfarrer Christian Vornewald

Lesung aus der Apostelgeschichte (Auszug)

Sie stellten zwei Männer auf:

Josef, genannt Barsábbas, mit dem Beinamen Justus,

und Matthías.

Dann beteten sie:

Du, Herr, kennst die Herzen aller;

zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast,

diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen!

Denn Judas hat es verlassen

und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war.

Sie warfen das Los über sie;

das Los fiel auf Matthías

und er wurde den elf Aposteln zugezählt.

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Lesung aus dem 1. Johannesbrief (in Auszügen)

Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat,

müssen auch wir einander lieben.

Niemand hat Gott je geschaut;

wenn wir einander lieben,

bleibt Gott in uns

und seine Liebe ist in uns vollendet.

Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt

und gläubig angenommen.

Gott ist Liebe,

und wer in der Liebe bleibt,

bleibt in Gott

und Gott bleibt in ihm.

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Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.

In jener Zeit

erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach:

Vater, ich habe deinen Namen

den Menschen offenbart,

die du mir aus der Welt gegeben hast.

Heiliger Vater,

bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast,

damit sie eins sind wie wir!

Solange ich bei ihnen war,

bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast.

Und ich habe sie behütet

und keiner von ihnen ging verloren,

außer dem Sohn des Verderbens,

damit sich die Schrift erfüllte.

Aber jetzt komme ich zu dir

und rede dies noch in der Welt,

damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.

Ich habe ihnen dein Wort gegeben

und die Welt hat sie gehasst,

weil sie nicht von der Welt sind,

wie auch ich nicht von der Welt bin.

Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst,

sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.

Sie sind nicht von der Welt,

wie auch ich nicht von der Welt bin.

Heilige sie in der Wahrheit;

dein Wort ist Wahrheit.

Wie du mich in die Welt gesandt hast,

so habe auch ich sie in die Welt gesandt.

Und ich heilige mich für sie,

damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.

Evangelium unseres Herrn Jesus Christus

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Zeit zum Beten! Jetzt ist Zeit zum Beten! Still werden, mit Gott neu rechnen! Ihn zulassen, ihm etwas zutrauen. Es ist Zeit für eine Novene. So nennt man eine neuntägige besondere Zeit des Gebets. Das leitet sich ab von dem Bericht der Apostelgeschichte, wo nach der Erhöhung Jesu zu Gott die Apostel und seine Verwandten betend auf das Kommen des Gottesgeistes gewartet haben. Neun Tage sind es von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten.

Ich muss mir das öfters mal sagen, dass mein Gebet ein ehrlicher Gradmesser für meinen Glauben ist. Ich merke, wie ich unbewusst Kind meiner Zeit bin und in das Hasten nach Erlebnissen, Bildern und Informationen einsteige in dem Wunsch, das Leben auszukosten, in der Angst, nicht alles mit zu bekommen. Wann bleibt da Zeit zum Beten? Der große Theologe Hans Urs von Balthasar hat mal in einem Aufsatz aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Frage aufgeworfen, wieviel weniger Gebet es geben wird durch die Erfindung des Fernsehers. Was er wohl heute fragen würde? Und natürlich sind all die vielen Angebote und Verlockungen so gestaltet, dass man hinschaut und in Beschlag genommen wird. So sind wir den ganzen Tag beschäftigt, haben immer etwas, was irgendwie wichtig ist. Die Angst, etwas zu verpassen, treibt uns zappend wie mit der Fernbedienung immer weiter. Drum prüfe, ob sich dienstagnachmittags von 16.45 bis 17.30 Uhr nicht doch noch was besseres findet? Entschieden leben? Man wird ständig eingeladen, sich für dies oder für jenes zu entscheiden, das zu machen oder zu kaufen oder das. Und wenn ich gar kein Interesse habe an etwas, dann wird kräftig nachgeholfen, dass ich Interesse bekomme. Für manchen wird diese sog. Freiheit, alles haben zu können, zum Trugschluss. Weil man dafür viel Geld braucht. Wer kein Geld hat, kann nicht mitmachen, er gehört nicht dazu und ist nicht von Bedeutung. Das Traumschiff lässt ihn nicht an Bord, hat Herbert Grönemeyer in einem Lied über Arbeitslose gesungen.

Je schneller ein Fluss fließt, desto mehr treiben die Dinge, die er mit sich führt, an der Oberfläche. Das, was unsere immer schnellebigere Zeit mit sich treibt, sind wir. Schwimmen an der Oberfläche? Schnell lebig!? Die Maschinen laufen immer schneller und wir hecheln hinterher. Früher gab es einen Brief, heute 20 Mails und whatsapp und … schnell noch das und das, wer hat da Zeit? Zeit, die bräuchte ich mal zum Entspannen, aber ich entspanne mich ja schon die ganze Zeit, wehe, wenn ich was zum Entspannen verpasse … Wir sind dabei, immer schnell mitfließend, … und leben an der Oberfläche!

Gebet ist Weg in die Tiefe! Haben wir Zeit dafür? Natürlich nie! Also müssen wir sie uns nehmen. Eigentlich ist es doch verlockend zu beten. Denn wenn da ein Gott ist, der Liebe ist, dann bedeutet beten: mich lieben lassen. Und damit erfüllt sich doch genau das, was wir im tiefsten wollen, warum wir hasten und mehr wollen, den letzten Kick, die beste Fernsehshow und das tollste Teil meines Hobbies. Bei dem einen ist zunächst so etwas wie Glück und Fülle, und dann bleibt eine Leere zurück, beim Gebet mag zunächst Leere sein, aber es erfüllt wirklich. Immer geht es doch um eine tiefe Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, mit meinem Empfinden und Wollen angenommen werden. Als Kind ist das eine und das Andere noch eins: Ich habe mal an Weihnachten eine kleine Dampflokomotive bekommen, war ich glücklich. Schöner, als ich es mir gewünscht hatte. Wer mir das geschenkt hat, der muss mich wirklich mögen. Im Gebet geht es genau um dieses „Geliebt“, „Gemocht“ werden. 

Aber Gebet ist mehr als nur das zwischen Gott und mir, dem einzelnen. Da wir von Gott glauben dürfen, dass er jede und jeden von uns liebt als wäre sie/er die Einzigen, sind die anderen und die ganze Welt immer mittendrin in unserem Gebet. Wie es wohl weiter geht, jetzt wo die Infiziertenzahlen beständig runter gehen? Alles so wie vorher? Oder haben wir, ich meine die Gesellschaft und wir mittendrin, etwas gelernt aus dieser Zeit. „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu!“, heißt es in einem Liedruf! 

Die biblischen Texte am Sonntag in dieser besonderen Gebetszeit sind sehr reich: In der ersten Lesung geht es darum, dass einer neu hinzukommen muss zur 12er Gruppe der Apostel. Was mich sehr beeindruckt ist, dass sie nicht etwa wählen, sondern das Los entscheiden lassen. Nicht wir machen, sondern Gott soll verfügen. Natürlich haben sie Kriterien, die die beiden Kandidaten erfüllen, derjenige muss die ganze Zeit über dabei gewesen sein. Aber dann beten sie: „Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen!“ Derjenige, auf den das Los fällt, hat ein ganz anderes Standing. Es wird nicht aus Autoritätshörigkeit auf ihn gehört, sondern aus Gottvertrauen. Das wiederum wird ihm helfen, seine Verantwortung aus seinem Glauben zu leben. Wenn wir mit der Gruppe pilgern, dann wird jeden Morgen beim Morgengebet gelost, wer mit wem an diesem Tag in der Kleingruppe unterwegs ist. Gott fügt uns neu zusammen. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht. Im Gebet dürfen unser Los annehmen!

In der anderen Lesung geht es um das einzig wesentliche für unser Zusammenleben: „Wenn Gott uns so geliebt hat, dann müssen auch wir einander lieben.“ Aber dies nicht als ein äußeres „müssen“, wie es viel zu lange in der Kirche war und was als ein zerstörisches Gift noch immer Spuren in uns hat und weiterwirkt. Sondern als ein inneres Wissen, als ein Gewissensruf, den wir im Gebet hören können. „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm!“ In den Johannestexten wird die innere Verbundenheit stets formuliert als In ihm und er in uns. Und sein meistgebrauchtes Wort ist bleiben. In der Liebe bleiben, das nennt man Treue. 

Und im Evangelium kann uns etwas ganz kostbares bewusst werden: Wir dürfen mit uns und in der eigenen Situation leben in dem Bewusstsein: Für uns hat jemand gebetet! Das gehört zu den stillen Kraftreserven, die ich habe! Ich weiß, es beten Menschen für mich! Und nicht irgendwer betet im Evangelium für uns, sondern wir hören das einzige längere Gebet, das uns von ihm überliefert ist. Wenn wir es auf uns wirken lassen, dann macht es demütig glücklich: Denn der Inhalt seines Gebets sind wir. Natürlich zunächst diejenigen, die mit ihm zusammen sind am Abend vor seinem Tod, aber im nächsten Vers nach dem Ende des heutigen Abschnitts heißt es: „Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben!“ Dass wir dazu gehören, das ist mit dem Wort apostolisch gemeint. 

Ich lade ein, die  Worte des Gebetes Satz für Satz auf sich wirken zu lassen. Denn dass Jesus für uns gebetet hat, ist weit mehr als so eine Art Glückstalisman, sondern die Worte sind da, dass wir sie aufnehmen und uns prägen lassen. „Bewahre sie in deinem Namen“, sein Name  ist unaussprechliches Geheimnis und ist gefüllt mit „Gott ist da!“. Ich sage dies, sagt Jesus, „damit sie meine Freude in Fülle in sich haben!“ Freude ist ja auch der beste Schutz vor dem Bösen: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern d ass du sie vor dem Bösen bewahrst.“ Und dann kommen große Worte, die ein echtes Lebensprogramm sind: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich  für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.“ Was das bedeutet für dich und für mich, dass muss jede und jeder von uns erlauschen und sich davon prägen lassen, dass die Worte in Dir und mir zum Leben und zum Segen werden. Wir dürfen aus Gottes K raft leben, aber so, dass es unsere eigene Kraft und Perspektive und Freude wird! Bewahrt in der Gegenwart Gottes, erfüllt von seiner Freude, die unsere Freude wird, erwählt und gesandt zu sein, so wie Jesus von Gott, so dass das Böse kein Packende mehr fi nden kann, und in der Wahrheit geheiligt. Unter den vielen Angeboten und Verlockungen und Glücksversprechen wollte ich wohl dies. Wie alle wirklich kostbaren Dinge, kann ich es nicht kaufen, es darf es mir schenken lassen, und nichts tut Gott lieber für un s, für Dich und für mich!