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Predigt am Himmelfahrtstag

ICH WÄHLE ALLES

Glaubst Du an den Himmel?

Diese Frage setzt jede Menge neue Fragen in Gang. Oder aber genau auch nicht. Denn wenn man den Himmel ergründen könnte, dann wäre es ja nicht mehr der Himmel, denn alles, was wir denken, ist am Ende begrenzt. Dann ist es nur wieder einer der irdischen Orte. Die können aber nicht der Himmel sein, auch wenn es vielleicht an manchen Orten wirklich sehr sehr schön ist. Die Malediven oder was auch immer sind trotzdem nicht der Himmel! Das heißt aber keineswegs, dass diese Frage belanglos ist. Dass man den Himmel nicht fassen kann, ist Voraussetzung, dass es Himmel ist. Aber es bedeutet nicht, dass der Himmel nichts sei. Er ist viel eher ALLES.

Wo willst du hin? In den Himmel! Das klingt vermessen. Und das ist es wohl auch, wenn man meint, man könne von sich aus bis dorthin gelangen. Aber andererseits ist es doch die einzige wirklich erstrebenswerte Perspektive. Zumindest wenn ich in mich selber hineinhorche, in diesen Überschuss an Sehnsucht, der irgendwie unstillbar ist. Man müsste sich trauen, seinen ganzen Mut zusammennehmen und losziehen. Vertrauen setzen, selbst wenn die Erfahrungen dagegen sprechen. Es mag paradox klingen, aber vielleicht hindert uns die erlernte Frömmigkeit: Ich meine die Bescheidenheit, die uns gelehrt wurde. Ich doch nicht, nein, das kann nicht sein. Wenn man – in aller Bescheidenheit – die Hand Gottes, die große Zuwendung seiner Liebe nicht annimmt, ist das dann nicht das, was man früher Sünde genannt hat?

Bei der kleinen Therese von Lisieux, der man eine große Demut zuspricht, gibt eine Stelle, wo sie aus ihrer Kindheit erzählt, dass ihr und ihrer Schwester Celine einige Puppensachen angeboten werden. Jede darf sich was aussuchen. Das kleine wohl dreijährige Kind sagt: Ich wähle alles! Dann schreibt sie weiter: „Dieser kleine Zug ist der Inbegriff meines ganzen Lebens; später, als die Vollkommenheit sich mir enthüllte, habe ich verstanden, dass man, um eine Heilige zu werden, viel leiden, stets das Vollkommenere anstreben und sich selbst vergessen muss. Ich sah ein, dass es viele Grade der Vollkommenheit gibt, und dass jede Seele frei ist, den Angeboten des Herrn zu entsprechen, wenig oder viel für ihn zu tun, kurz, unter den Opfern, die Er verlangt, zu wählen. Da rief ich aus, wie einst in den Tagen meiner frühen Kindheit: Mein Gott, ich wähle alles!“ Auch wenn wir heute vielleicht einiges etwas anders formulieren würden und wir die Opferfrömmigkeit des 19. Jhd. Gott sei Dank hinter uns haben, ist das großherzige, das totale, das echte herauszuhören. Es geht ihr nicht darum zu opfern, um etwas bekommen, sondern es wird ihr vor Augen gestellt, was Gott ihr schenken will und sie wählt ALLES!  Könnte es sein, dass hier die Überholspur zum Glück zu finden ist? Dass hier Himmelfahrt ist?

Und dennoch spüre ich bei mir und es geht Ihnen vermutlich ähnlich, dass die innere Bereitschaft, es umzusetzen zwar da ist, aber ich bin oft kraftlos und schwach. Aber so auf sich zu schauen, hilft nicht weiter, im Gegenteil, man verkrampft und wird mutlos. Wenn man unten am Berg steht und muss mit einem schweren Fahrrad hoch, dann hilft nicht der Blick nach oben, wie sehr und wie weit es hoch geht. Es hilft viel eher das Bewusstsein, dass ich mich freue, zu einem großen Ziel unterwegs zu sein. Heiligkeit, ein Begriff, den ja Therese auch nennt und der irgendwie dazu gehört, wenn es um den Himmel geht, „Heiligkeit“, so sagt Papst Franziskus, „ist die Begegnung Deiner Schwäche mit der Kraft der Gnade“! Es geht um Hoffnung, die den inneren Schwung freisetzt, und zwar auf den Gott, der uns großes schenken will.

Glaubst Du an den Himmel? Glaubst Du daran, dass Gott auch Dir begegnen will, in Deiner Schwäche mit der Kraft seiner Liebe? Schau nicht auf Deine Fehler, die Dir von anderen gespiegelt werden, auf die manchmal bitteren Erfahrungen der eigenen Grenzen, sondern auf den Gott, der Dich einlädt zu sich, in den Himmel. Komm und mach Dich auf den Weg! Die kleine Therese sagt auch: „Gott sucht Menschen, die nichts von sich erwarten, sondern alles von ihm erhoffen!“ Das klingt reichlich unbescheiden, aber Gott freut sich. Demut bedeutet, das, was mir geschenkt wird, anzunehmen, aber als Geschenk anzunehmen. Ich muss es mir nicht verdienen, und zu meinen, ich könnte es mir verdienen, ist das wahre Gegenteil von Demut. Ich wähle alles, und Gott freut sich. Und je kleiner die Schritte sind, die ich auf dem Weg schaffe, umso schöner der Weg! Denn umso mehr Freude kann ich empfinden, dass ich vorwärts komme, sich in meiner Schwäche die Kraft seiner Gnade erweist. Gnade, auch so ein verbrauchtes Wort, es heißt im Lateinischen Gratia, davon leitet sich gratis ab, umsonst, geschenkt.

Heute feiern wir Christi Himmelfahrt, schauen auf den Weg Jesu, der in den Himmel geht. So sieht das aus, wenn einer sich aufmacht, um uns den Himmel zu öffnen. Und wir schauen dabei auf die letzte irdische Begegnung der Jünger mit Jesus, wo sich quasi Himmel und Erde schon vermischen. Sie sind oben auf dem Berg, also dort, wo man weit schauen kann, eine große Perspektive hat. Die Jünger fallen vor ihm auf die Knie, denn hier geht es um alles. Auf die Knie gehen ist nicht entmündigend, erniedrigend, sondern das Annehmen der eigenen Schwäche angesichts des Großen, was sich ihnen zeigt, was ihnen jetzt im Rückblick auf sein Leben aufgeht. Und es tut gut, dass berichtet wird, dass einige Zweifel haben. Es geht überhaupt nicht um ihre eigene Größe, um irgendwetwas, was sie erbringen müssten. Sie stehen da mit leeren Händen, wie es in unserem Lied heute heißt! Nein, sie fallen auf die Knie, weil ihm, wie er sagt, alle Vollmacht gegeben ist im Himmmel und auf der Erde. Das heißt, dass seine Liebe, die sie selber an sich erfahren haben und alle seine Worte, sein Umgang mit den Menschen, die heil wurden und wie neu geboren ein anderes Leben beginnen konnten, nicht nur eine einmalige glückliche Episode sind. Seine Liebe erweist sich  als größer, weiter und tiefer! Und sie sind eingeladen, diese Perspktive, diese unglaubliche Hoffnung zu wählen, alles zu wählen! „Darum geht und macht alle Vöker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ Taucht sie in das Leben Gottes ein, öffnet ihnen den Himmel, indem ihr sie hineinnehmt in die Liebe des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist. Wir haben Anteil daran, sind Teil davon geworden durch den Gott, der ein Mensch wurde und alles mit uns geteilt hat, bis zum Tod, damit wir mit ihm alles teilen: „Ich lebe, und auch ihr sollt leben!“ Dann heißt es weiter: „Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe!“ Denn das ist der Weg zum Himmel, die Überholspur ins Glück.

Und dann haben sie sich auf den Weg gemacht. Keine Superstars, strotzend vor Kraft und Eloquenz, mit tausenden sehr professioneller Fortbildungen ausgerüstet. Sondern ehemalige Fischer, die das, was sie erfahren haben mit Jesus, weitererzählen. Und sie haben getauft. Sie haben Menschen durch das, was ihnen von Jesus geboten wurde, den Himmel geöffnet. Und sie sind dabei selber beschenkt worden: „Deine Gnade genügt mir, sie erweist ihre Kraft in meiner Schwäche“, hat der Apostel Paulus seine Erfahrung ins Gebet gebracht. Sie haben eine Welle losgetreten, eine große Weggemeinschaft ist entstanden, in der Menschen sich ihrer Sehnsucht öffnen, sich aufmachen zum Himmel.

Ob wir auch dazu gehören? Auch wir können nur kleine Schritte tun, aber in aller Schwäche machen wir uns auf den Weg, versuchen die Verantwortung zu tragen, die uns aufgegeben ist, tun unsere vielen kleinen Dinge mit so viel Liebe, wie wir können. So hat Therese das Geheimnis ihres kleinen Wegs beschrieben. Und da wir alle schwach sind, beruht die Weggemeinschaft in der gegenseitigen Vergebung! Und wenn auch die Schritte klein sind, die wir bei aller Anstrengung schaffen, jede/jeder da, wo wir leben, so ist die Freude groß über das, was es bewirkt. Es ist nicht immer leicht, so wie in diesen unsicheren Zeiten. Immer wieder durchlaufen wir die vier berühmten Schritte, die der Apostel Paulus aufzählt: „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld Bewährung, Bewährung bewirkt Hoffnung.“ Und dann sagt er weiter: „Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist!“ Es ist also auf dem Weg zum Himmel schon ein Stück Himmel in uns!

Wenn die  Jakobspilger den Weg bis zum Ende laufen, dann kommen sie zum Atlantik, der Ort heißt Finisterra, zu deutsch Finis= Grenze / terra=Erde, Grenze der Erde. Dort ist der Stein mit dem Kilometerstand 0,0. Man steht oben am Felsen und blickt auf das weite endlose Meer. Und der ganze lange Weg bis dorthin, bei uns von zuhause aus los, steht einem vor Augen. Und man hört seine Stimme, die sagt: „Seht, ich war bei euch an allen Tage bis nach Finisterra, bis zu den Grenzen der Erde!“ Als wir dort oben standen, auf das Meer schauten und es genießen konnten, jetzt hier zu sein, da sagte einer aus unserer Gruppe: „Wenn wir bis an die Grenzen kommen, dann fängt der liebe Gott erst an …“

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