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Predigt zum Weißen Sonntag

„ … dass wir uns bald wiedersehen in unserer Kirche!“ dies war der Wunsch, den man mehrmals hören konnte beim Friedensgruß in unserer Osternacht. Ich habe auch Sehnsucht danach! Jeden Tag feiere ich mit jemandem aus der Gemeinde die Messe, wir machen uns dann immer bewusst: Stellvertretend für die anderen! „ … dass wir uns bald wiedersehen in unserer Kirche!“ Darin zeigt sich die Sehnsucht nach den Anderen, nach dem, was dem eigenen Leben Halt und Rhythmus gibt, es ist wohl auch die Sehnsucht, den eigenen Glauben sinnlich mit anderen zu leben und zu verwirklichen. Unsere Osternacht mit dem Zusammenführen von vielen durch die kleinen Videos hat wohl eine echte Freude gebracht, und ich habe mehrmals gesagt bekommen: „Dadurch ist es für mich Ostern geworden!“. Für einige war es wohl sogar so, dass das Wohnzimmer zum Kirchenraum wurde und die Hausgemeinschaft die miteinander gelebte Kirche. Dennoch gilt auch, was Daniel Deckers in der Frankfurter Allgemeine in einem Kommentar am Karsamstag in diesem Jahr geschrieben hat: „Was radikale Laizisten immer hofften, aber nicht einmal die Kommunisten wagten, ist in Zeiten der Corona-Pandemie binnen weniger Wochen Wirklichkeit geworden. Religion als kollektives, auf symbolische Kommunikation angelegtes und in gemeinsamen Körperpraktiken materialisierendes Sinnsystem ist aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Das Internet ist dafür nur ein schaler Ersatz. Kein Bild kann Religion in ihrer Sinnlichkeit ersetzen, kein Ton das Überwältigende der Erfahrung des gemeinsamen Hörens, Sprechens und vor allem Singens ersetzen.“

Im Moment ist es uns nicht möglich, diese Erfahrung miteinander zu machen. Wir müssen für uns bleiben. Das ist bedauerlich und schlimm. Denn es fehlt etwas von dem, was die Jünger mit dem Auferstandenen erlebten: durch ihre verschlossenen Türen trat Jesus in ihre Mitte, schenkte ihnen den Friedensgruß, sogar zweifach!, zeigte ihnen seine Hände und seine Seite, sagte zu ihnen: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch!“ Danach hauchte er sie an (wie es Gott zu dem geformten Klumpen Lehm getan hatte, so dass ein lebendiger Mensch daraus wurde) und sprach zu ihnen: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Alles Geistliches, was  sich aber zutiefst sinnlich vermittelte. So stark, dass sie am Ende sagen konnten: Wir haben den Herrn gesehen!

Wir treffen uns stets am Sonntag, am Tag der Auferstehung, wo er durch unsere verschlossenen Türen und Herzen in unsere Mitte tritt! Natürlich im Geist. Und trotzdem auch als sinnlich, leiblich vermittelte Begegnung von Gott zu uns und von uns zu Gott!  Unsere ganze sonntägliche Feier ist aufgebaut wie eine menschliche Begegnung: Die Riten der Begrüßung und Versöhnung (mit wiederholenden wiedererkennbaren Gesten der Vertrautheit), dann der Wortgottesdienst (wo Gott sich uns in unserer Sprache zuwendet), und dann die Mahlfeier, wo in menschlichen Gesten, Worten und Zeichen ER in unsere Mitte tritt und sich uns zeigt und schenkt, die Liebe schenkt, in der er am Kreuz sich hingegeben hat! Am Ende steht der Segen und die Sendung! Benedicere heißt segnen auf Latein. Bene heißt Gutes, dicere heißt sagen. Genau so gehen Menschen auseinander, man sagt sich Gutes zu. Und die Begegnung mit ihm ist zugleich eine Begegnung miteinander: Empfangt, was Ihr seid: der Leib Christi! Auf dass Ihr werdet, was Ihr empfangt: der Leib Christi!

Ein kleines Detail zeigt, dass es tatsächlich Parallelen gibt: Es wird berichtet, dass die Jünger acht Tage darauf wieder versammelt sind, also am nächsten Sonntag. Hier zeigt sich die sehr früh beginnende Praxis der Christen, sich jeweils am Tag der Auferstehung zu treffen, weil dieser Tag damit erfüllt ist, dass Er in ihre Mitte tritt.

Das geht im Moment nicht bei uns! Vielleicht hilft es ja, wenn wir uns klar machen, dass bei der entscheidenden Osterbegegnung einer der Jünger fehlte, so wie Sie am Sonntag in der Kirche, wenn die Bänke leer bleiben: „Thomas, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam!“ Er sagt ganz deutlich, dass er ohne eine sinnliche Vermittlung nicht glauben kann, was die anderen ihm erzählen! Und er ist dabei ganz ehrlich: er steht dazu vor den Anderen.

Für mich ist das eine ernste Frage, ob unser Glaube verdunstet, wenn wir in ihm keine Erfahrung miteinander machen. Es könnte doch so sein, dass die alten Gesänge wie „Christ ist erstanden …“ sich innerlich entleeren, wenn sie nicht angestimmt werden und wir es miteinander singen, und darin das teilen, was da ausgedrückt wird! Schade, dass so wenige unsere Glocken hören können und wir nicht Balkon an Balkon wohnen und einander hören können, wenn wir am Sonntagmorgen gemeinsam singen. Was trägt den eigenen Glauben? Was macht ihn aus? Mit Sicherheit ist er keine Kopfangelegenheit, sondern etwas, wo der ganze Mensch angesprochen und ganz menschlich gemeint und einbezogen ist.

Was ich an dem Thomas bewundere ist, dass er nicht einfach weggeht, sondern bei den anderen bleibt. „Und Thomas war dabei!“, heißt es acht Tage darauf. Trotz dem, dass er es nicht glauben konnte, oder ihm fehlte, was seinen Glauben lebendig werden lässt. Kann man daraus schließen, dass er es glauben wollte? Dass seine Zweifel, sein Es-nicht-können, die Sehnsucht danach ist, es doch glauben zu können. Und wenn es nur die Sehnsucht nach der Sehnsucht wäre, es glauben zu können, er ist da. Dann gehören Zweifel und Glauben ganz eng zusammen. Sicher, es gibt diese Erfüllung im Glauben, es gibt aber auch diese Sehnsucht, dieses innere Ringen und Suchen, diese ehrlich eingestandene innere Leere! Jemand hat präzise formuliert: Der Glaube stirbt nicht an den Fragen, er lebt in den Fragen. Vielleicht ist es sogar so das ganze Leben lang der Normalzustand. Wie erfüllend ist es, wenn man ab und an hören darf, dass Gott sagt: Du würdest mich nicht suchen, wenn ich Dich nicht gefunden hätte. Das Suchen und Ringen ist nicht unbedingt ein Mangel, denn es reinigt das eigene Gottesbild, es korrigiert die falschen Aussagen über Gott. Es sorgt dafür, dass ich mir nicht selber eine Vorstellung von Gott zurechtlege, weil ich weiß, dass die vielleicht beruhigt, aber nicht wirklich erfüllt. Es ist die Kraft, dass wir innerlich wach bleiben!

Vielleicht ist der ein oder die andere von uns gerade in einer ähnlichen Phase, es ist ein Stück Selbstverständlichkeit weg, es gibt die Erfahrung einer inneren Leere. Es ist ja auch traurig, gerade an Ostern Ihn, das Brot des Lebens, nicht zu empfangen! Wer von diesem Brot isst, der bleibt in mir und ich in ihm, der hat das Leben in sich.

Thomas bleibt nicht in der Leere! Er darf ihn sehen und noch mehr, er darf tasten, seine Hände, seine Seite. Die tiefste Kontaktnahme zwischen Menschen geschieht über die Haut! Die Antwort auf sein Fragen liegt in Berührung! Da wird aus der Leere Erfüllung. Und Thomas gibt das schönste, eindeutigste Glaubenszeugnis: „Mein Herr und mein Gott!“ So sagt es keiner der anderen Apostel. Vielleicht hat die Erfüllung mit dem Ringen und mit der Leere zuvor zu tun.

Und bei uns? Könnte nicht das Nicht-dabei-sein in diesen Wochen eine neue Erfahrung von Sehnsucht in uns wecken? Könnte die Leere es mit einem Mal nötig machen, dass wir ringen und suchen müssen, aber in den Fragen Gott in uns wirkt?!

Einen kleinen Rüffel bekommt der Thomas dann doch noch mit: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Selig, weil ihr Glaube so sehr in Gott ruht, oder in der Freundschaft zu einem Menschen, dass auch die scheinbare Ferne oder Nichtbeachtung nichts daran ändern. Wenn man die Perspektive umdreht, dann versteht man, was gemeint ist. Wenn jemand mir vertraut und dafür keine Zeichen meiner Nähe braucht, dann ist das der beste Freund. Auch das kann es geben in diesen Tagen. Und die- oder derjenige hätte es nicht bei sich bemerkt, wenn sie/er nicht ohne das österliche Zeichen der Sonntagsmesse leben müsste.

Aber gottlob gibt es Zeichen, mehr als wir wahrnehmen. So ist es auch mit den Zeichen, die Jesus getan hat – und tut. Immer geht es darum, „dass ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und dass ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen!“

Das Leben haben in seinem Namen: „Lieben heißt,“ hat Tomas Halik gesagt, „einem andern sagen: Ich will, dass Du lebst!“ Dass Du lebst, das Leben haben, diese Liebe hat Thomas durch seine Zweifel und Fragen und durch die Leere hindurch erfahren dürfen. Eine Frau, nicht aus unserer Gemeinde, hat mir erzählt, ihr hätten die Tränen in den Augen gestanden, als sie beim Taufversprechen während unserer Osternacht so viele hörte, die sagten: Ich glaube! Gott schenke uns, dass uns diese Tage zum Segen werden, und zum Leben führen in seinem Namen! Und der Apostel Thomas sei dafür unser Fürsprecher!

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