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Predigt zum Palmsonntag

Sanftmut kehrt ein

Am Montagabend hat mich ein Verwandter angerufen. Das tut er eher selten. Aber er wollte mir etwas mitteilen, was ihn wohl sehr bewegt hat. Er lebt in Frankfurt. So still ist es in der Stadt geworden, erzählte er, kein Fluglärm, kaum Geräusche von der Stadtautobahn, die Straßen menschenleer. Abends auf dem Balkon hatte er die Glocken der Kirchen gehört, nicht nur eine, sondern mehrere, auch von weiter weg. Die hätte er noch nie wahrgenommen. Er war bewegt. Jetzt in diesen Tagen ist das mit einem Mal möglich.

Bringt die Krise etwas zum Vorschein, was man vor lauter riesigen Bankentürmen und Business und Hetze jeden Tag und jede Stunde gar nicht wahrnehmen konnte? Dass da Kirchtürme sind und Glocken mahnen und wecken und von einem tiefen Geheimnis künden, dass erfüllt ist von Gott und tiefer Menschlichkeit. Wie viel davon war verlorengegangen, wie vieles hatte sich dem Diktat von Markt und Ellebogen beugen müssen. Und wie vieles, was jetzt nicht mehr ist, zeigt aus der Distanz als schlimm und absurd. Als begeisteter Fußballfan habe ich noch einmal einen Bericht von vor drei Wochen gelesen: Da stand, dass ein zwanzigjähriger Fußballspieler 6 Millionen Euro im Jahr verdient, demnächst geht er gewiss zu einem anderen Verein, denn da bekommt er das Doppelte. Wie wohltuend, dieser Abstand, welch ein Segen! Und wieviel kreatives haben die Begrenzungen hervorgebracht, um etwas mitzuteilen, um Leid zu lindern, um zum anderen und zueinander zu gelangen. Es sind Kräfte geweckt worden, von denen man schon fast nichts mehr wusste.

An diesem Palmsonntag feiern wir, dass Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht. Seine Jünger empfangen ihn als ihren Herrscher, sie hoffen, dass er etwas neues, anderes errichten wird, Frieden und Gerechtigkeit und Gemeinschaft. Sie jubeln ihm zu, denn sie hoffen, dass er das Gottesreich aufrichten wird. Sie hatten seine Zeichen gesehen, hatten seine Worte gehört, hatten an sich selber die heilende und aufrichtende Kraft und die Autorität seiner Person erlebt, den Frieden und die Wahrheit jenseits von Druck und Gewalt und Lüge. Er hatte sie ernst genommen und sie hatten in seiner Vergebung ein neues Leben begonnen. Jetzt sollte aus diesen Einzelerfahrungen etwas Ganzes werden: So schrien sie sich die Seele aus dem Leib vor Begeisterung: Hosanna dem Sohn Davids!

Kommt durch die Coronakrise auch etwas Neues auf uns zu, kehrt in der Stille dieser Tage  neu Menschlichkeit in unser Leben, Rücksichtnahme und Solidarität, das, was wir mit dem Kommen des Himmelreichs verbinden? Nach dem alten Prophetenwort: In der Stille und im Vertrauen ruht eure Kraft! – Bahnt sich das Reich Gottes neu einen Weg in unsere Mitte mit seiner zärtlichen Kraft und wirklichen Güte, die unser Zusammenleben umfängt und verwandelt?

Etwas davon kann man beobachten in diesen Tagen, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Als Papst Franziskus am Freitag voriger Woche seinen großen Segen vom Petersdom aus in die stille dunkle Stadt und Welt hinaus spendete, da war etwas anderes deutlich zu sehen und zu hören: man sah während der Segensliturgie aufflackernde blaue Lichter am anderen Ende des Petersplatzes und hörte Sirenen eines Notfallfahrzeugs. Die Stille in diesen Tagen als Friedenszeichen und Botschaft wahrzunehmen, hat etwas trügerisches. Wenn ich Leute spreche, höre ich öfters, dass sie Zeit hätten zum beten. Aber es ist auch anderes zu hören und bei sich und anderen wahrzunehmen: dass die Ungewissheit allmählich zersetzend in die Seele eindringt, dass die Nachrichten von der wachsenden Zahl von Erkrankten und Toten nicht spurlos an einem vorübergehen, dass es schwer fällt, diese Situation über lange Zeit auszuhalten, so ohne spürbare menschliche Nähe und oftmals auch mit wenigen Kontakten. Vor allem ältere Menschen spüren das sehr intensiv. Früher hatte man sich die ganze Woche auf das Treffen zum Skatspiel oder zur Wanderung oder auf eine Begegnung gefreut …, das geht jetzt nicht, in den Seniorenheimen gibt es keine Besuche und es wird allein im Zimmer gegessen … sogar der eigene Ehepartner und die eigenen Kinder dürfen nicht kommen! Wie schön, wenn in den Familien nun mal Zeit füreinander ist. Aber wenn das austarierte Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Eltern und Kindern und den Eltern und Kindern unter sich sich verschiebt …? In diesem Verhältnis spielen auch die Außenkontakte als Teil des Ganzen eine wichtige Rolle, nun dürfen die Kinder ihre Freunde nicht sehen und haben keinen Spielplatz oder Sport und die Eltern sind nicht im Büro oder bei irgendeinem Hobby …, da sind Konflikte unausweichlich. Und mag es auch für viele ein Segen sein, aus dem Hamsterrädchen mit seinem immer schnelleren Lauf heraus zu kommen, wenn die vielen ineinander greifenden Räder nun zum Stillstand kommen, dann bedeutet das auch viel Leid und hat ernsthafte Konsequenzen. Viele Existenzen stehen auf dem Spiel, die Mitarbeiter müssen in Kurzarbeit. Und alle geraten in eine schwierige Lage. Wenn auf diese Weise viel Geld ausbleibt, wie soll der Kredit zurückgezahlt oder die Investition finanziert werden? Das geht quer durch alle Branchen so, in dieser Woche war von den Obst- und Gemüsebauern die Rede, die auf ihre Saisonarbeiter aus Osteuropa warten. Jetzt dürfen ein Teil davon doch noch kommen. Vermutlich ist das für die Arbeiter noch wichtiger, denn mit dem hier verdienten Geld kommen sie in der Heimat das Jahr über zurecht. Das erinnert an noch etwas: Ich glaube, wir können sehr dankbar sein, in Deutschland zu leben, in anderen Teilen der Welt sind die Einschnitte noch viel gravierender: in dieser Woche kam die Nachricht, dass in Griechenland das erste überfüllte Flüchtlingslager unter Quarantäne gestellt wurde. Die riesigen Hilfspakete, die unsere Regierung nun aufgelegt hat, daran ist woanders nicht zu denken und die nun so dringende Gesundheitsbetreuung zeigt sich in vielen Ländern als sehr mangelhaft. Bei uns müssen keine Kühltransporter angefordert werden wie z. Zt. in New York. Aber ob in New York oder anderswo, wir sind ein Teil vom Ganzen. Diese meine Beobachtungen sind nur einige Schlaglichter auf das, was in diesen Tagen passiert.

 Was bedeutet es, wenn wir in dieser Situation Palmsonntag feiern, d.h. mitvollziehen, dass Jesus einzieht in die Stadt Jerusalem? Worauf hoffen wir? Was soll uns jetzt innerlich berühren, dass wir uns nicht Ängsten und Mutlosigkeit überlassen? Da die Einzelnen von uns die Situation, die durch die Pandemie entstanden ist, je nach Alter, Berufs- und Familiensituation unterschiedlich trifft, wird das vielleicht nicht für alle dasselbe bedeuten. Deshalb können wir nur auf einige prägnante Botschaften aus der Schilderung des Evangeliums gemeinsam schauen. Vielleicht ist ein Gedanke dabei, der Ihnen gilt und hilft.

Das erste, was mir auffällt, ist die Art, wie dieser Einzug erzählt wird. Es sieht so aus, als wäre alles von Gott genauestens vorgeplant. Die Eselin ist dort, wo Jesus es vorhergesagt hat. Eine solche Art der Beschreibung gibt es öfters in der Bibel. Dabei geht es immer darum, dem Leser klar zu machen, dass die Situation, die gerade beschrieben wird, kein Grund ist, das Vertrauen zu verlieren. Auch wenn man es im Moment vielleicht nicht verstehen kann, es ist nicht aus der guten Hand Gottes herausgefallen. Das wird dadurch verstärkt, dass das Erzählte als Erfüllung einer Verheißung dargestellt wird. Dafür steht das Prophetenwort. „Dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und reitet auf einer Eselin!“

Und wenn man dieses Wort liest, dann ist es eine Brücke zum Verstehen. So ist es also: Auf einer Eselin reitet er. Der Esel ist der Lastenträger des Orients, er lässt sich geduldig beladen und trägt dann die Last weg. Der da kommt, dessen Autorität besteht im Mittragen. Er ist sanftmütig! Er liebt, er ist da, kehrt ein in unsere Stadt, in unseren Lebenskreis. Dass wir Sanftmut aneinander erfahren, zärtliche Zuwendung zu jeder und jedem einzelnen, wenn wir einander nicht aus dem Blick verlieren, versuchen, einander zu verstehen, uns konkret helfen, uns zuhören, uns auch gegenseitig zum Lachen bringen, dann ist die Botschaft des Palmsonntags angekommen. Und diese Botschaft vermittelt sich auch, wenn es durch die notwendige räumliche Distanz andere Ausdrucksformen finden muss. Wenn etwas aus Liebe ist, dann ist die Begrenzung schon überschritten, denn Liebe gibt es nur in Freiheit. Es ist eine Botschaft, die durch uns hindurchgehen soll, dass sie wirklich wird!

Das verweist auf eine ganz eigene Realität: Hier kommt der Sohn Gottes, von dem wir erhoffen, dass wir in unserer Schwäche Halt und Hoffnung finden und Mut schöpfen. Aber er kommt selber nicht in Stärke, weil er sagen will: Ich will durch eure Schwäche kommen. So richtet sich mein Reich auf! Normalerweise ist es ja so: Wenn alle schwach sind, die sich da gegenseitig halten, dann bricht das Konstrukt zusammen. Sein Kommen sagt: es wird halten in aller Schwäche, ich trage Euch! Dabei ist die Botschaft der Vergebung und Versöhnung mittendrin. Wenn wir nun zum Palmsonntagsgottesdienst versammelt wären, dann hätten wir den Bericht der Passion (in diesem Jahr aus dem Matthäusevangelium) als zentrale Botschaft dieses Tages gehört. Und der Moment, wo wir während der Erzählung alle niederknien und es ganz still ist, ist der Bericht seines Todes. Da hören wir seine letzten Worte, herausgeschrien aus der letzten Einsamkeit und Verlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Das macht mir meinen Glauben glaubwürdig, er fragt mit uns: Warum?

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