Herzlich Willkommen

Predigt und Fürbitten


Komm heraus

Wohin führt das alles? Wie geht es weiter? Wie lange kann es so weitergehen? Diese Ungewissheit: da ist was, Du weißt nicht wo, Du siehst nichts, und doch hat es uns voll im Griff. Wir hören nur jeden Tag die Zahlen der Menschen, die sich angesteckt haben, und der Menschen, die gestorben sind. Wir versuchen unser Bestes, uns zu schützen, die Straßen sind menschenleer. Wir tun uns und den anderen Gutes, indem wir zuhause bleiben und wachsam Abstand halten. Doch die Ungewissheit bleibt: Bin ich schon angesteckt? Bei aller Mühe für sich zu sein, keiner schafft es doch, mit den Händen nicht ins Gesicht zu fassen. Und was habe ich vorher angefasst … Der Ausnahmezustand lässt die eigenen Sicherheiten zerbröseln. Wie wird es weitergehen? die Frage stellt sich, nachdem schon seit bald zwei Wochen alles anders ist. Nicht nur den vielen Menschen, denen die Existenzgrundlage zwischen den Händen zerrinnt. Werden wir wieder so leben wie zuvor? Wird alles wieder gut? Dies sei erst die Ruhe vor dem Sturm, sagte gestern der Gesundheitsminister.

Bei der Erzählung, die uns heute am 5. Fastensonntag, also zwei Wochen vor Ostern als unser Evangelium gegeben wird, wird von der Krankheit und dann vom Tod des Lazarus erzählt. Als Jesus von der Katastrophe seines Freundes hört, sagt er: „Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes.“

Es dient der Verherrlichung Gottes? Gilt das hier? Ich habe in dieser Woche Gedanken eines Philosophen zugeschickt bekommen, der fest davon überzeugt war, dass die Menschheit eine andere, bessere geworden sein wird nach der Corona-Krise. Ich weiß nicht, ob es so kommt. Wenn ich an die massiven Ängste und die Panik denke, die viele erfasst und an Bilder aus Italien von großen Militär LKWs, die die Toten zum Krematorium bringen, dann weiß ich nicht, ob das Menschen grundlegend zum Guten verändern wird. Wenn ich an Menschen in den Seniorenheimen denke, die auch in Blankenburg so sehr isoliert werden, dass sie in ihren Zimmern essen müssen, wenn man die unerträgliche Situation von Ärzten sieht, die entscheiden müssen, wen sie intensiv behandeln und wen nicht, dann habe ich eher die Befürchtung, dass sich ein Trauma auf uns legt.

Obwohl man sagen muss, dass in diesen Tagen so viele positive Dinge passieren, dass man spürt, wie Mutmachen und gegenseitige Hilfe um sich greifen, wie die Entschleunigung zum Nachdenken bringt, dass man mit dieser neuen Erfahrung von Menschlichkeit sich vieles nicht mehr zurückwünscht, was man vorher fraglos mitgemacht hat. Sei es nur das Fixiertsein auf Gewinn und Rendite, wo jeder nur seins macht mit viel Druck und oft Menschenverachtung. Manches sieht man mit der Distanz dieser Tage in einem anderen Licht. Die Fragen nach Gewichtung unseres Zusammenlebens, nach dem, was wichtig ist, nach den Zielen stellt sich neu. Ist das Leben und das menschliche Miteinander nicht viel wichtiger als Gewinnmaxime, und wollen wir eine Gesellschaft, die nur funktioniert, wenn wir uns bestimmten Denk- und Lebensmechanismen ausliefern? (Man muss sich nur die Preisentwicklung von Schutzmasken ansehen). Einige habe mir berichtet, dass sie neu zum Gebet gefunden haben und dies als Bereicherung und Kraft empfinden.

Und es steht ja noch etwas anderes im Raum: Es wurden Satellitenbilder gezeigt von China vor und während der Coronakrise. Vorher war alles voller Dreck und Nebel, während der weitgehenden Quarantäne klärte sich die Luft, man konnte gut das ganze Land sehen. Werden wir wieder so leben wie vor der Krise? Oder bringt diese Krise wertvolle Einsichten? Ist sie ein gutes Training für die Menschheit, dass wir eine viel schlimmere, viel gefährlichere Krise für unseren Planeten angehen, die auch jetzt schon die Gesundheit vieler Menschen zerstört und viel mehr Tote fordert: werden wir mit Kraft und Elan daran gehen, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen einzudämmen durch eine neue Weltordnung mit anderen Verhaltensweisen, aus echter Nächstenliebe zu denen, die nach uns auf dieser Erde leben? Was wird werden?

Es gibt tiefer liegende Frageebenen. Reinhard Mey hat in diesen Tagen ein kleines Wohnzimmerkonzert gegeben. Zu Beginn hat er Vaclav Havel zitiert: Hoffnung ist nicht Optimismus, die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Überzeugung, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht. Doch worin liegt der Sinn?

Vielleicht hilft es uns, dass wir uns wieder dem Evangelium zuwenden, dass unsere bangen Fragen zum Hören werden. Da wird uns erzählt, wie Jesus quasi zu spät kommt und sein kranker Freund tot ist, als er in Bethanien eintrifft. Die größtmögliche Katastrophe ist schon eingetreten.

Diese Erzählung ist zwei Wochen vor Ostern unser Evangelium. Das ist eine Steigerung gegenüber den Sonntagen zuvor. Immer waren es Tauferzählungen: Am dritten Sonntag ging es am Jakobsbrunnen um das Wasser, am letzten Sonntag bei der Heilung des Blindgeborenen um das Licht, heute geht es um das Leben. Und zwar um Leben aus dem Tod.

Als Jesus eintrifft, kommt er in eine Welt voller Verzweiflung und Trauer. Was geschehen ist, kann man nur hinnehmen, zu ändern ist es nicht. „Wenn Du hier gewesen wärst, wäre mein Bruder nicht gestorben!“, sagt Maria, die Schwester des Verstorbenen zu Jesus. Jetzt ist nichts mehr zu machen. Und als Jesus mit ihr und den anderen Trauernden am Grab angekommen ist, steht da: Da weinte Jesus. Er teilt mit diesen Menschen, taucht mit ihnen ein in die dunkle Welt der Trauer, er trauert um seinen Freund. Es ist mehr als grenzwärtig: Als Jesus bittet, den Stein wegzunehmen, um seinen Freund nochmals zu sehen (was damals üblich war in der Zeit der Trauer), sagt die andere Schwester: „Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.“

Aber während der ganzen Erzählung schwingt immer auch eine andere Ebene mit: Zu der trauernden Marta, die ihm entgegenkommt, sagt Jesus unglaubliche Worte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das?“ Man hat herausgefunden, dass diese Worte die Mitte des Evangeliums sind, wenn man die Verse von vorne und von hinten zählt. Im Johannesevangelium, das so viele Bedeutungsebenen und Botschaften in und hinter den Worten hat, vielleicht kein Zufall. Ist es so, dass in dieser Katastrophe etwas ans Licht kommt, was man zuvor nicht sehen konnte? „Glaubst du das?“, hat Jesus gefragt. Dass nicht nur irgendwann, jetzt weniger von Gewicht, sondern jetzt Leben möglich ist?

Später, als sie schon am Grab stehen, sagt Jesus zu Marta: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ Wenn du glaubst! Jesus möchte in ihr eine Haltung wecken. Am Donnerstag habe ich im Mittagsgebet die Worte bedacht: „Werft eure Zuversicht nicht weg, die großen Lohn in sich birgt.“ (Hebr. 10,35)

Wenn wir glauben …, Zuversicht haben? Vielleicht ist dies tatsächlich unser Thema in diesem Jahr zu Ostern. Und dann tut Jesus ein Zeichen. Zeichen, so heißen im Johannesevangelium die Taten Jesu. Durch Zeichen wird etwas unsichtbares sichtbar, zeigt sich eine Beziehung. Für Liebe gibt es nie einen Beweis, sondern es gibt nur Zeichen. Es geht um Vertrauen, um Glauben! Ein Gott, der sich beweisen ließe, wäre kein Gott mehr, hat Marin Buber gesagt.

Als der Stein weggerollt ist, betet Jesus. Dann ruft er mit lauter Stimme: „LAZARUS, KOMM HERAUS!“ Er ruft Lazarus aus dem Tod zum Leben, und Lazarus kommt aus dem Grab. Aus der lähmenden Trauer wird unbegreifliche Freude. Wenn dies ein Zeichen ist, dann ist Lazarus nicht nur eine einzigartige Person, die ihr irdisches Leben zurück bekommt, sondern dann liegt darin eine Zusage für uns alle. Wir sollen es auf uns beziehen. Bei unserer Taufe wurden als erstes unsere Eltern gefragt: Welchen Namen haben Sie ihrem Kind gegeben? Denn es sollte deutlich werden, dass wir bei unserem Namen gerufen sind. Jesus ruft uns zu, heute, in dieser Situation: Lazarus, komm heraus! Und statt Lazarus möge jede/jeder den eigenen Namen einsetzen! Durch die Taufe sind wir mit Jesus durch den Tod hindurch zum Leben gekommen, mit ihm gestorben und mit ihm auferstanden! Nicht die innere Müdigkeit, nicht düstere Gedanken, nicht panische Ängste sollen uns innerlich bestimmen, nichts soll uns fesseln! Die Sorgen sind uns nicht genommen, sie sind sogar geboten, weil sie Ausdruck unserer Liebe sind, unserer Verbundenheit mit anderen! Aber die lähmende Angst, die destruktiven Gedanken, da ruft jemand, der Dich und mich unendlich tiefer liebt: KOMM HERAUS! Glaubst du das? werden wir wie Marta gefragt. Wenn du glaubst, wirst Du die Herrlichkeit Gottes sehen! Davon kann man schon etwas sehen zwischen uns in diesen Tagen, viele Zeichen Gottes!

Fürbitten:

Ich weiß, dass sind alles nur kleine Schritte. Wir sind ohnmächtig, keiner weiß wirklich, was kommt. Dürrenmatt hat gemeint, dass das, was alle betrifft, nicht ein einzelner lösen kann. Aber das muss nicht zum Fatalismus führen, sondern es hat für uns eine andere Perspektive. Als die vielen Menschen in der Wüstengegend Hunger hatten, hatte niemand was zum Essen dabei. „Gebt ihr ihnen zu essen!“, forderte  Jesus die Jünger auf. Nur ein kleiner Junge hatte fünf Brote und zwei Fische. Sie waren hillos: „Was ist das für so viele?, wurde gefragt. Das Brot ging durch die Hände Jesu, er nahm es, sprach den Lobpreis, brach es und reichte es ihnen und sie teilten es aus. Und alle wurden satt. Ich finde, damit ist unsere Zuversicht lebendig beschrieben.

Herr, wir bringen Dir alle Erkrankten  und bitten um Trost und Heilung.
Sei den Leidenden nahe, besonders den Sterbenden.
Bitte tröste jene, die jetzt trauern.
Schenke den Ärzten und Forschern Weisheit und Energie.
Den Politikern und Mitarbeitern der Gesundheitsämter Besonnenheit.
Wir beten für alle, die in Panik sind, für alle, die von Angst überwältigt sind.
Um Frieden inmitten des Sturms, um klare Sicht.
Wir beten für alle, die großen materiellen Schaden haben oder befürchten.
Guter Gott, wir bringen Dir alle, die in Quarantäne sein müssen, sich einsam fühlen, niemanden umarmen können. Berühre Du Herzen mit Deiner Sanftheit.
Und ja, wir beten, dass diese Epidemie abschwillt, dass die Zahlen zurückgehen, dass Normalität wieder einkehren kann.
Mach uns dankbar für jeden Tag in Gesundheit.
Lass uns nie vergessen, dass das Leben ein Geschenk ist.
Dass wir irgendwann sterben werden und nicht alles kontrollieren können,
dass Du allein ewig bist.
Dass im Leben so vieles unwichtig ist, was oft so laut daherkommt.
Mach uns dankbar für so vieles, was wir ohne Krisenzeiten so schnell übersehen.
Wir vertrauen Dir.
Danke!

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